»Ein Leitsatz, um gut durch den Winter zu kommen und nicht durch ihn.«

Vom Geist der Liebe und Kraft in aller Not.

Der Philosoph Epiktet nennt am Ende seines Büchleins „Anleitung zum glücklichen Handeln“ einen Leitsatz zum Glücklich-Sein:


»Bei allem, was geschieht, muss man diesen Satz im Sinn haben:

„Führe mich, Gott und du, Schicksal, zu dem Ziel, das ihr vor aller Zeit für mich bestimmt habt. Ich werde ohne zu zögern folgen. Wenn ich mich aber weigerte und dagegen wehrte, wäre ich nur ein mutloser Feigling und müsste dennoch folgen.“«

Auf den ersten Blick klingt dieser Satz eher nach einer blinden Schicksalsergebenheit als nach einem Hinweis, wie man glücklich sein könne. Es scheint, als sollten wir tatenlos und passiv die Dinge hinnehmen. Das geht vielen Menschen einigermaßen gegen den Strich.

Denken wir nur allem voran an unsere aktuelle Situation, in der wir durch das Virus bedroht sind … und wer weiß wie lange noch. Natürlicherweise machen wir uns Sorgen, und es wird nach Maßnahmen gesucht, die helfen können, das Virus in den Griff zu bekommen. Hygienebestimmungen und Kontakteinschränkungen, die Suche nach einem Impfstoff gehören dazu. Es gibt aber auch Menschen und Gruppen, die sich gegen die verordneten Einschränkungen zur Wehr setzen, zuletzt mit dem Argument, dass es das Virus gar nicht gebe oder es nur einen harmlosen Schnupfen auslöse.

Darüber sind beinahe die Sorgen um die Folgen des Klimawandels vergessen. Jüngste Nachrichten über die zunehmende Anzahl von Unwettern und Naturkatastrophen, denen Menschen nahezu hilflos ausgeliefert sind, zerren das Problem wieder ins Bewusstsein. Dennoch gibt es sie immer noch, diejenigen, die die Tatsache als solche ableugnen. Die aus einem Weltklimaabkommen aussteigen als hätten sie noch eine zweite Erde in der Hinterhand.

Denkt man an die Sorgen und Nöte des persönlichen Alltages, kann man ähnliches beobachten. Wie viele wollen ihren tatsächlichen Zustand nicht wahrhaben? Wie viele neigen dazu, lieber fortzulaufen, als sich dem zu stellen, was bei und in ihnen der Fall ist?

Auf diesem Hintergrund klingen die Leitsätze Epiktets in einer anderen Tonart. Sie sprechen nicht davon, sich tatenlos und fatalistisch mit dem Geschehen abzufinden. Sie behaupten stattdessen: Ohne anzuerkennen, was ist, eröffnet sich kein Raum, mit all dem umzugehen. Wer sich nämlich über die Wirklichkeit – die gesellschaftliche als auch die persönliche Wirklichkeit ‑ Illusionen macht, hat keine Möglichkeit, in lebensdienlicher, wirksamer Weise auf sie zu reagieren. Nur wer sich dem offensichtlich Unabwendbaren stellt, kann glücklich werden.

Jesus Christus hat denen, die sich um das eigene Leben und auch das der Menschheit überhaupt Sorgen machen, ans Herz gelegt: »Sucht zuerst das Reich Gottes und ihr werdet alles bekommen, was ihr tatsächlich zum Leben braucht.« In seinem Sinne könnte man fortfahren: Ihr werdet alle Kraft erhalten, eure Wirklichkeit zuzulassen und dann damit umzugehen – wie erschreckend sie sich zunächst auch aufdringen mag. Wenn wir Gottes Reich in und unter uns suchen sollen, dann will auch Jesus nicht, dass wir damit aus dieser Welt mit all ihren Problemen, Gefahren und Sorgen fliehen, noch uns resignierend ergeben. Sondern er deutet auf die Liebe Gottes, auf sein Reich, als der Kraftquelle für unser Leben, was auch in diesem Leben geschehen mag. Die Kraftquelle zeigt sich aber nur, wenn wir bereit sind, unsere Wirklichkeit anzunehmen als das, was Gott uns gibt. Denn mit ihr gibt er uns zugleich seinen Geist der Kraft, der Liebe und Besonnenheit, der in all unserer Schwäche mächtig wird – wenn wir sie denn als solche anerkennen. Was für eine Möglichkeit, durch diesen Winter zu kommen und glücklich zu sein!

Andreas Bader, Pastor

  • Version