»Von der Notwendigkeit der Ruhe«

Für jede Handlung braucht man einen guten Grund – bloße Aufregung ist keiner.

Die gegenwärtige Situation bringt viele Menschen in unserem Land aus der Ruhe. Mitunter herrscht helle Aufregung angesichts der Corona-Lage. Ist inzwischen zwar die Zahl der Neuinfektionen gesunken, tritt dennoch kaum eine Beruhigung ein. Virusmutationen halten den Adrenalinspiegel hoch. Ungeduldig erwartet man baldige Lockerungen. Es steht zu vermuten, dass dies das geheime Motiv für die aktuelle überreizte Diskussion über eine verfehlte Einkaufsstrategie der Impfstoffe darstellt. Mit einiger Berechtigung kann der Sinn einer solchen Debatte in Frage gestellt werden. Was ändert sie schließlich an den Tatsachen? Und wie so oft werden im Zuge allgemeinen Erregt-Seins die Fakten verzerrt: Da wird der Anschein erweckt, wir in Deutschland wären im Vergleich zu Israel und Großbritannien arg ins Hintertreffen geraten. Dabei wird übersehen, dass die Lage dort eine ganz andere ist. Es wird zudem ausgeblendet, dass es uns ‑ auch im Vergleich ‑ geradezu gut geht. Nebenbei – wo es jetzt mit den Impfterminen knapp aussieht, will sich plötzlich jeder und jede impfen lassen. Vor einigen Tagen waren nennenswert viele noch im Zweifel, ob sie sich überhaupt impfen lassen. Vom «Impfzwang» war die Rede. Es scheint eine alte Regel wirksam zu sein: Wenn etwas knapp ist, wollen es mit einem Male alle haben, und zwar mehr oder weniger gleich, was das ist.

Natürlich sind Menschen in unterschiedlicher Weise von der Corona-Situation betroffen. Manche fürchten zu Recht um ihre wirtschaftliche Existenz, andere eine psychische Überlastung – weil sie im Homeoffice arbeiten müssen, während ihre Kinder zu Hause sind und Aufmerksamkeit beanspruchen. Das ist verständlich und es ist gewiss nicht leicht, damit umzugehen. Ob es allerdings sinnvoll ist, sich in die Aufregung und einen kopflosen Kampf gegen die Situation zu begeben, da habe ich so meine Zweifel. Aktionismus als Antwort auf Panikattacken führt kaum zu einem guten Ergebnis. Hauptsache etwas tun! Hauptsache kämpfen! scheint aber seit langem die Haltung unserer Gesellschaft zu sein. Nicht nur, dass man damit irriger Weise glaubt, die Dinge abschließend in den Griff zu bekommen, sondern man meint, mit dem aufgeregten Kampf auch noch ein Verdienst zu erwerben. Ich sehe jedenfalls keine Leistung darin, sich mitten in die Fluten zu stürzen, eine unruhige Aufgeregtheit im Leben gut zu heißen und dann täglich in stolzer Gesinnung mit den Schwierigkeiten zu ringen. Wer weise sein will, wird sie ertragen und sie sich natürlich nicht aussuchen. Die Weise wird lieber im Frieden und in innerer Ruhe sein wollen als im andauernden Kampf und Angriff. Der Besonnene weiß, dass er der Ruhe bedarf, um klar zu bekommen, warum er gegebenenfalls kämpfen muss. Jedenfalls will sie die Verantwortung, selbst zur Ruhe und Gelassenheit zu kommen, nicht dadurch überspringen wollen, dass sie sich in die nächste Aufregung stürzt. – Das wäre zu einfach. Denn es ist keineswegs leicht zur Ruhe zu finden.

Schon im Ersten Testament der Bibel ist die große Sehnsucht nach Ruhe und Gelassenheit ein Thema. Im 22. Psalm heißt es: » Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.« Der Psalm setzt Ruhelosigkeit mit Gottverlassenheit gleich: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« (Ps. 22, 1). Im Hebräerbrief des Zweiten Testaments schließlich wird Ruhe verheißen. Sie ist in Gott selbst zu finden, es ist Gottes Ruhe. »Es ist also noch eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes. Denn wer zu Gottes Ruhe gekommen ist, der ruht auch von seinen Werken so wie Gott von den seinen. So lasst uns nun bemüht sein, zu dieser Ruhe zu kommen.« (Hebr. 4, 9-10). Die Ruhe ist nicht das Ziel einer Anstrengung, sondern deren Voraussetzung.

Es ist nicht leicht gelassen zu werden. Aber die Möglichkeit besteht, indem wir uns Gott zuwenden. Das aber bedeutet nichts anderes als, vom andauernder Anstrengung und permanenter Aufregung abzulassen und also von „unseren Werken“ zu ruhen. Solche Gelassenheit wird uns die Augen dafür öffnen, warum und wofür es tatsächlich notwendig ist zu kämpfen – auch in der schwierigen Situation heute.

Andras Bader, Pastor

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