»Vom Lohn der Zuversicht«

Die tragende Gewissheit, dass alles gut wird, gleich wie es wird.

31. Oktober 2019 – Reformationstag. Im April des Jahres wird die Pariser Kathedrale «Notre Dame» fast komplett zerstört. Die nächste Wirtschaftskrise ‑ schlimmer als die Finanzkrise 2008 ‑ scheint unmittelbar bevorzustehen. Der Brexit ist „ewige Hängepartie“. Ein kleines Mädchen weint untröstlich an der US-Grenze zu Mexico, weil sie von ihrer Mutter getrennt wurde. – Was wir jetzt brauchen ist irgendeine Art von Zuversicht. Ohne diese würde niemand mehr politische Programme entwerfen, Kinder in die Welt setzen, oder auch nur morgens aufstehen.

31. Oktober 2020 – Reformationstag – Der BER ist eröffnet. ‑ Wer hätte noch Anfang desselben Monats geglaubt, dass der Berliner Flughafen überhaupt noch seinen Betrieb aufnimmt. Die Einschränkungen aufgrund von Corona sind gelockert. Viele Menschen sind im Herbsturlaub. Hoffnungen auf ein baldiges Ende der Pandemie werden wach. Aber ‑ es ist nur die Ruhe der Gewohnheit vor dem Sturm der zweiten Corona-Welle im darauffolgenden Monat mit noch rigoroseren Einschränkungen des persönlichen und öffentlichen Lebens.

Derzeit ‑ im Februar 2021 ‑ richten sich die Hoffnungen auf die Impfstoffe, dass sie endlich wieder die Rückkehr zum gewohnten, normalen Leben ermöglichen – in der Wirtschaft, der Gesellschaft und dem persönlichen Alltag. Und ‑ hält diese optimistische Aussicht, was sie verspricht? Oder sind wir auf dem Weg in die nächste Enttäuschung? Es bleibt ungewiss.

Was wir jetzt – schon wie im vorvergangenen Jahr – brauchen, ist eine »Zuversicht«. Wir brauchen eine Antwort auf die »psychische Energiekrise« in uns, die uns Resignation und Pessimismus überwinden lässt und auch die hilflose Wut gegen unsere Lage. Wir brauchen eine Gewissheit, die mehr ist als nur naive Hoffnung und „positives Denken“.

Zuversicht ist kein illusionsanfälliger Optimismus, sondern ein »Voraussehen auf die Zukunft«. Es ist die Gewissheit, getragen und gehalten zu sein, gleich ob die Zukunft nun gut oder schlecht sein wird. Zuversicht ist eine gesteigerte Form von Hoffnung, nämlich „nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“ (Vaclav Havel). Zuversicht ist ein generelles Vertrauen in die Dinge, gleich was geschieht.

Dazu ist es unumgänglich, sich an das Konkrete, Augenblickliche, das, was jetzt ist, zu halten, um das tun zu können, was jetzt auf dem Weg zum Ziel möglich ist. Mit dieser praktischen Haltung von Wirklichkeitsgehorsam und realistischer Selbsteinschätzung hat es der Geschäftsführer des BER, Engelbert Lütke Daltrup, bewerkstelligt, den Flughafen zu eröffnen. Diese Weise praktisch mit einer gegenwärtigen Situation umzugehen, beschreibt die Fabel mit den drei Fröschen, die in einen Sahnetopf fallen: „O je, wir sind verloren“, stöhnt der erste Frosch pessimistisch und ertrinkt. Der Optimistische hingegen glaubt: „Keine Sorge, irgendjemand wird uns schon retten.“ Er wartet und wartet und ertrinkt ebenso. Der zuversichtliche Frosch aber sagt sich: „Da bleibt mir nur zu strampeln.“ Er reckt den Kopf über die Oberflache und strampelt ‑ bis die Sahne zu Butter wird und er aus dem Topf springt.

Es ist die Haltung des vertrauenden Glaubens, die zum Handeln befreit. In diesem Sinne schriebt der Hebräerbrief: » Es ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.« (Hebr. 11, 1)

Fiktion: 31. Oktober 2021 – Reformationstag. Das wirtschaftliche, gesellschaftliche und alltägliche Leben in Deutschland geht seinen Gang ohne noch nennenswerte Einschränkungen. Es ist ein veränderter Gang. Der Wirklichkeitsgehorsam und die sich dort zeigenden Möglichkeiten zu handeln haben uns verändert. Wir sind an der Krise gewachsen in der Haltung vertrauenden Glaubens. Die vertrauende Offenheit ist die Möglichkeit zur Reformation. Diese wünscht euch allen und auch sich selbst


Euer Andreas Bader, Pastor

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