»Von der wahren Freiheit«

Wir gewinnen Freiheit von allem, wenn wir loslassen, verzeihen und uns versöhnen.

Es gibt Menschen, die nicht gleich sagen, was sie am anderen stört oder wodurch sie sich verletzt, gekränkt, beleidigt und benachteiligt fühlen. Sie halten solche Dinge häufig zurück, z.B. weil sie Streit und Konflikt fürchten. Da neigt man dazu, »aus seinem Herzen eine Mördergrube zu machen« und wartet nur auf die passende Gelegenheit, es der anderen heimzuzahlen.

Das Problem dabei ist, dass die erlebte Verletzung, Kränkung, Missachtung oder dergleichen, in den Köpfen, Herzen und im Leib bleiben, wenn sie nicht ausgesprochen werden. Sie sitzen im Nacken fest und führen zu Verspannungen und Kopfschmerzen. Oder sie machen Bauchschmerzen – mehr oder weniger lange, mehr oder weniger intensiv, je nach Schwere der Kränkung. Manche sehen sich so sehr verletzt, dass an ein gemeinsames Gespräch überhaupt nicht zu denken ist. Aber wo Menschen nicht den Mut zur Offenheit finden und dem anderen sagen können, was sie belastet, kann sich eine Situation nicht klären, kann die »dicke Luft« sich nicht verziehen. Erst wenn die »Schuld«, die eine am anderen hat, auf den Tisch kommt, kann die Frage bedacht werden, wie man denn jetzt miteinander weitermachen will. Dann kann man sich gegenseitig freigeben und einander verzeihen.

Verzeihen hat eine doppelte Richtung: Ich entlasse die andere aus ihrer Schuld und ich selbst werde frei von all den Gedanken an Vergeltung, Rache und daran, es ihm heimzahlen wollen – und damit von all den psychischen und körperlichen Begleiterscheinungen. Verzeihen führt zur Versöhnung, mit der man wieder einen gemeinsamen Weg gehen kann.


Tiefer betrachtet hängt mein Verhalten andern gegenüber damit zusammen, wie ich selbst auf das, was mir geschieht, reagiere. Bin ich beleidigt, wenn die Dinge nicht so laufen, wie ich es mir vorgestellt habe? Verfalle ich in passive Niedergeschlagenheit, wenn meine Umstände schlecht erscheinen? Oder reagiere ich aktiv aggressiv und meine, ich müsse gegen sie kämpfen, sie beseitigen, sie verbessern? Eine solche Einstellung reicht bis in die letzten Tiefen meiner Persönlichkeit: Wie gehe ich mit mir selbst um? Kann ich mich so leiden und zulassen, wie ich bin? Mir meine Fehler und Unzulänglichkeiten verzeihen? Kann ich meinen Körper annehmen, wie er ist oder muss ich erst noch etwas daran machen? Kann ich mich mit mir selbst versöhnen oder halte es mit mir selbst nicht aus?


Die meisten Menschen – wenn nicht sogar alle – kennen solche Schwierigkeiten mit der Selbstannahme aus eigener Erfahrung. Wer sich selbst nicht akzeptieren kann, wird es immer schwer haben, die anderen so sein zu lassen, wie sie sind.

Sich selbst lassen und zulassen und auch alles, was geschieht, ohne jedoch dabei zu resignieren, ist die entscheidende Haltung im Leben. Sie macht Veränderung möglich. Der ehemalige Prior von Taizé, Frère Roger, hat sie einmal so beschrieben: »Die Ereignisse annehmen, auch die kleinsten, ohne Hintergedanken, ohne Bedauern, ohne Wehmut, aber in unerschöpflichem Staunen. Geh, geh weiter, setz einen Fuß vor den andern, vom Zweifel geh weiter zum Glauben, und kümmere dich nicht um das, was unmöglich scheint. Entzünde ein Feuer, selbst mit den Dornen, die dich zerreißen.« Diese Haltung ist der tief vertrauende Umgang mit allem, was ist. Sie bedeutet einfach zu tun, was zu tun ist, ohne sich laufend gegen etwas oder gar gegen sich selbst zu wehren. In diesem Umgang tiefen Vertrauens bin ich versöhnt mit allem, was ist und auch mit mir selbst. Ich werde ein anderer: eine neue Schöpfung.

Bin ich versöhnt mit mir, mit den Ereignissen und Umständen meines Lebens, dann bin ich wirklich frei. Ich lasse auch die anderen frei. Christen sind Versöhnte. Nur Versöhnung macht wirklich frei.


Andreas Bader, Pastor

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