Gemeindebrief Oktober/November 2018

Der Gemeindebrief für Oktober und November 2018

Seufzen und Sehnen

Nach der Hitze des Sommers sehnen sich viele nach dem Herbst, nach Kühle und Regen. So einige haben geseufzt unter der drückenden Luft. Aber auch so mancher seufzt nun, weil das Licht der Dunkelheit weicht, die Tage kürzer werden und die Sonne sich verabschiedet und mit dem November der Trauermonat naht, in dem man der Toten gedenkt. Dieser Monat rührt an die eigene Trauer im Leben, reißt manchmal alte Wunden wieder auf. Auch Krankheit und schwindende Lebenskraft lassen sich nun schlechter aushalten.


Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzen ist dir nicht verborgen betet ein Mensch in Psalm 38,10. Gott kennt alle meine verborgenen Wünsche, nichts kann und muss ich vor ihm verstecken. Und er hört auch all mein Seufzen, mein Klagen, meine Trauer, gerade die, die ich nicht wage, offen auszusprechen, weil ich Angst habe, dass andere darüber den Kopf schütteln oder weil ich niemanden mit meinem Schmerz belasten will. Gott hört auch die oft nicht ausgesprochene Verzweiflung Warum trifft es immer mich? Was habe ich verbrochen, dass ich so krank bin? Diese Frage stellt sich auch der Beter des Psalmes 38 Deine Hand lastet schwer auf mir wirft er Gott vor. Ja, Krankheiten können alles zerstören, wofür wie leben, woran wir glauben, worauf wir hoffen. Aber sie sind keine Strafe Gottes, weil wir etwas falsch gemacht haben im Leben oder unser Glaube zu klein gewesen ist. Krankheiten fragen nicht danach, wie wir leben. Sie kommen einfach, sie gehen und manchmal bleiben sie. Gesundheit ist nicht die Abwesenheit von Störungen, Gesundheit ist die Kraft, mit ihnen zu leben (D. Rössler, Theologe u. Arzt). Und dabei will uns Gott helfen, Kraft zu finden, mit den Störungen, den Krankheiten zu leben. Seine Hand lastet manchmal schwer auf uns, aber er zieht sie nicht weg.


Und er hört unser Seufzen. Seufzen ist eine Möglichkeit, die Lunge und den Kopf frei zu bekommen. Unsere Chorproben beginnen immer mit langen Seufzern. Dabei weitet sich der Brustkorb, alles, was da so festsitzt, löst sich, danach fällt das Atmen leichter und das Singen auch. Und mit der Weite der Lunge wird auch der Kopf klar, lässt los, was schwer ist und macht Platz für Neues. Der Blick wird nicht mehr nur auf mich selber gerichtet, sondern auf das, was um mich herum noch so geschieht. Ich merke: Da sind andere, ich bin in Gemeinschaft. Zusammen entsteht etwas Wunderbares.


So kann ich auch vor Gott seufzen und merken: Seine Hand lastet nicht nur auf mir, sie schützt mich auch. Sie bereitet sich unter mir aus und fängt mich auf, wenn ich falle.


Martina Lembke-Schönfeld

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    Korrekturen bei Veranstaltungen

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    Foto bei Kirche beflügelt mit Namen ergänzt.

    Foto: MIchael Blandowski

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