Gemeindebrief für Februar / März 2020

Der neue Gemeindebrief liegt zum Download bereit.

„Mama, was bin ich wert?“, so hat meine Tochter mich öfters gefragt, als sie noch klein war. Was bin ich wert – das ist wohl eine Frage, die jeder Mensch hat. Und es gibt viele unterschiedliche Antworten auf diese Frage. „Was bin ich Dir wert?“, diese Frage konnte ich beantworten: „Alles!“ Sie ist mir das Wertvollste in meinem Leben, einfach, weil sie meine Tochter ist. Leider ist das nicht bei jedem Kind so. Kürzlich erzählte mir jemand, dass sie sich nur von ihrer Mutter wertgeschätzt fühlte, wenn sie gute Noten nach Hause brachte. Hatten aber alle aus der Klasse gute Noten, dann waren ihre Leistungen kaum noch etwas wert. Und so rannte sie der Wertschätzung durch die Mutter von Klassenarbeit zu Klassenarbeit hinterher.

Andere erkaufen sich Anerkennung, Wertschätzung teuer. Durch Operationen, Hungerkuren bis zur Magersucht, exzessiven Sport, um so einem idealen Menschenbild zu entsprechen, in dem kein Platz für Individualität, Makel oder Krankheit ist. Oder sie versuchen, sich durch teure Statussymbole aufzuwerten, die zeigen: „Seht her! Ich bin wertvoll!“

Funktioniert ja auch gut. Ich schaue auf der Straße dem Ferrari hinterher und überlege, wer dort wohl drinsitzt. Bei einem Kleinwagen tue ich das nicht.

„Was bin ich wert?“ Diese Frage muss manchmal von Versicherungen beantwortet werden. Ich habe gelesen, dass da unterschiedliche Berechnungen angestellt werden. Ein Rechtsanwalt z. B. ist mehr wert als eine Arbeiterin, denn er hat ja einen höheren Verdienstausfall. Der Wert eines Menschen macht sich hier also am Einkommen fest. Dass die Arbeiterin ihrer Familie, ihren Freunden und Kolleginnen im Todesfall vielleicht mehr fehlen wird als der Rechts-anwalt, zählt nicht. Und was ist dann ein Mensch wert, der unter prekären Verhältnissen leben muss?

Ihr seid teuer erkauft! Schreibt der Apostel Paulus. Alle! Ohne Ausnahme! Niemand ist ein Schnäppchen – auch nicht der Sklave. Geiz ist bei Gott eben nicht geil. Die Bezahlung: Gottes eigener Sohn! Er hat den Tod auf sich genommen, damit die Menschen in Freiheit leben können. In Freiheit davor, von anderen unterdrückt, ausgebeutet, gemobbt oder lächerlich gemacht zu werden. In Freiheit, aber auch davor, uns Regeln zu unterwerfen, die bestimmen, wie ich auszusehen und zu sein habe, damit ich etwas wert bin.

Ihr seid teuer erkauft! Wenn ich diesen Satz ernst nehme, dann habe ich es nicht mehr nötig andere zu knechten. Und ich lasse mich nicht mehr knechten, weil ich meinen Wert kenne.

Pfarrerin Martina Lembke-Schönfeld

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