Zum rechten Umgang mit schweren Zeiten

Wir sind dieser Tage mit zunehmend verunsichernden und auch erschreckenden Meldungen über den Corona-Virus konfrontiert. Dringend stellt sich dabei die Frage: Wie können wir mit dieser Situation umgehen?

Passend dazu sind mir Worte des Philosophen Seneca begegnet. Er schreibt in einem seiner Briefe:

»Natürlich will ich, dass mir z.B. Folter erspart bleibt; aber wenn sie nun einmal auszuhalten ist, wünsche ich, ich den Mut zu haben, sie tapfer und ehrenhaft zu ertragen.

Natürlich hätte ich es lieber, wenn kein Krieg käme! Aber wenn er nun einmal eingetreten ist, wünsche ich, dass ich Verwundungen, Hunger und alles, was der Krieg notwendig mit sich bringt, mit aufrechtem Haupt ertrage.

Ich bin nicht so verrückt, dass ich mir wünsche, krank zu sein. Aber wenn es geschieht, dass ich krank werden muss, wünsche ich, dass ich nichts unbesonnen tue und mich nicht resignierend verkrieche.

Also: Die Widrigkeiten sind selbstverständlich nicht wünschenswert. Aber die rechte Haltung, in der wir die Widrigkeiten ertragen können, ist von entscheidender Bedeutung.«


Es macht den entscheidenden Unterschied, ob wir angesichts der erschreckenden Ereignisse um Covid-19 resignieren oder ob wir unsere Möglichkeiten entdecken, damit umzugehen. Auch angstvolles Sich-Absichern ist eine Form der Resignation, nämlich vor der eigenen Angst. Es braucht Mut, um die eigenen Möglichkeiten zu erkennen.

Dieser Mut wächst uns im Besinnen und im Beten zu, indem wir uns darin der tragenden Kraft Gottes in uns zuwenden und hingeben. Beten und Besinnen zentriert uns auf das entscheidend Wichtige. Denn immer, in jeden Augenblick, in dem wir dies tun, gibt uns Gott die Kraft, die wir für den Umgang mit der Bedrohung brauchen.


Das Gebet ist nicht nur eine Rettung aus der Gefahr für uns selbst. Es ist nur dann echt und recht, wenn es uns frei macht, uns für die anderen einzusetzen. Das Beten und uns selbst Besinnen ist es, was Nächstenliebe und Solidarität mit allen anderen möglich und damit erforderlich macht.


Wir stehen in einer so vielleicht für die gesamte Menschheit noch nie dagewesenen Situation. Gesellschaften weltweit verpflichten sich auf einen gemeinsamen Imperativ der Menschlichkeit und Solidarität. Man könnte auch sagen, sie verpflichten sich auf die Liebe: Wir wollen die Schwachen schützen, die Alten und die mit den Vorerkrankungen. Nicht länger werden die Benachteiligten einfach ausgegrenzt – selbst von den schlimmsten Autokraten dieser Welt nicht.

Die tätige Solidarität und Liebe zeigt sich, wo sich Zettel in Hausfluren finden, die Hilfe beim Einkaufen anbieten. Sie zeigt sich in dem aufopfernden Kampf der Menschen in den Krankenhäusern und Pflegeheimen, nicht zuletzt im Mut der Kassiererin, die trotz fast aggressiver Entrüstung jemandem die dritte Packung Klopapier wegnimmt.


Es liegt an einem jeden von uns – an dir und an mir ‑, ob der Umgang mit der Corona-Krise am Ende zu einem Akt von Liebe, Solidarität und Menschlichkeit wird. Ob wir diese Zeit nutzen, uns zu besinnen und dann mutig und verantwortlich zu handeln – oder sie nur dazu verwenden, endlich tun und lassen zu können, wozu wir wegen z.B. beruflicher, schulischer oder sonstiger Pflichten sonst nicht kämen.

Lernen wir aus dieser Krise, diesem gesellschaftlichen »Reset«, am Ende Menschlichkeit und Solidarität?

Das fragt sich und Sie

Andreas Bader, Pastor

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