Ist jetzt bald wieder alles erlaubt?

Der schwere Rückweg in eine »Normalität«.

Gegenwärtig sprechen alle von den Lockerungen der Corona-Beschränkungen: Geschäfte öffnen, Schüler gehen in die Schule, selbst Gottesdienste dürfen wieder gefeiert werden. Das klingt danach, als wäre die alte »Normalität« bald wiederhergestellt – es ist ja wieder erlaubt…Wenn nur nicht die Maskenpflicht wäre und das immer noch geltende Abstandsgebot.

Ein »es ist wieder erlaubt« scheint manchem die Rückkehr in das alte gewohnte Leben darzustellen. Viele scheinen dies schon jetzt umsetzen zu wollen. Da werden Beschränkungen gegeneinander ausgespielt: „Ich trage ja nun eine Maske. Da muss ich doch das mit dem Abstand nicht mehr so ernst nehmen.“ Das entgegen der eindringlichen Warnung, die Maske schütze zunächst erst einmal die anderen vor einer Infektion, kaum jedoch den Betreffenden selbst. Viel wichtiger sei deshalb die Abstandsregel strikt einzuhalten. Auf dem Weg zur Normalität scheinen auch andere Hygienemaßnahmen wie Handdesinfektion nicht mehr so wichtig zu sein.

Beschränkungslockerungen können sorglos und unvorsichtig machen. Da wird nach Lücken in dem Verordneten gesucht und diese im Zweifelsfall ausgenutzt. Öffnungen können den Eindruck vermitteln, wir sind schon über den Berg und Corona liegt hinter uns – bald ist alles wieder »normal«. Sie bergen aber stets Risiken in sich, wie einer erhöhten Zahl von Neuinfektionen, einem erneuten „Lock down“ und, dass ich mich selbst infiziere und das Virus an andere weitergebe. Lockerung heißt nicht Entwarnung!

Aufweichungen der Beschränkungen bringen die Schwierigkeit mit sich, wie sichere Hygiene-Schutzkonzepte für Geschäfte, Schulen und Kirchen zu erstellen sind, und besonders wie man sie im Einzelnen umsetzen kann. Lockerungen sind aber vor allem ein Aufruf zu Selbstverantwortung, zur eigenen Vernunft. Es kann nicht darum gehen, nur zu tun, was äußerlich erlaubt ist und dass es möglichst niemand sieht, wenn ich den Rahmen überschreite. Ich selber trage Verantwortung für mich und für die Entscheidung, wie ich mit dem Risiko der Entspannung umgehe. Dahinter steht immer die Frage, was ist wirklich gut für mich? Für Christen ist das die Frage nach Gottes Willen, im Vertrauen darauf, dass sein Wille das Gute für mich will. Diese Frage kann mir keine staatliche Verordnung und keine Kontrolle von außen abnehmen. Selbstverantwortung schließt jedoch stets auch Verantwortung für andere ein. Für andere, denen es vielleicht nicht so geht wie mir, die eher gefährdet sind.

Jesus hat dies in der „Goldenen Regel“ seiner Bergpredigt so zusammengefasst: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch.“

Die Selbstverantwortung, die Frage nach dem Willen Gottes, nach dem Guten für mich und für andere, kann uns davor schützen, leichtsinnig und unvorsichtig zu werden, weil es ja scheinbar wieder erlaubt ist und weil wir uns das wirklich wünschen. Selbstverantwortung findet den schmalen Grat zwischen Überschätzung und Unterschätzung des Risikos. Was wir dazu brauchen ist Selbstbesinnung und Selbstbeherrschung. Was wir dazu brauchen ist unser Gebet.


Andreas Bader, Pastor

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