Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder!

Psalm 98,1

Kantate – Singet! Heißt dieser Sonntag. Aber singen ist gefährlich in dieser Zeit. Wer singt, der soll das allein tun, nicht im Chor und demnächst auch nicht im Gottesdienst in der Kirche. Denn beim Singen werden mehr Viren verbreitet als beim Sprechen. Wer hätte gedacht, dass gerade Singen unter die zu unterlassenden Dinge in der Corona-Zeit zählt? „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder. Böse Menschen haben keine Lieder!“, hieß es doch immer. Und nun darf ich nur noch allein singen. Ich mache das; zu Hause unter der Dusche, beim Kochen oder im Auto. Nicht schön, aber manchmal sehr laut. Nicht jeden Ton treffend, aber mit Spaß. Singen schüttet bekanntlich Glückshormone aus und die habe ich manchmal sehr nötig. Aber viel mehr Spaß machte es, wenn ich mit anderen singen dürfte.

Kantate – singet! Gerade am heutigen Sonntag sollte viel gesungen werden. Mit Chor und einer vollen Kirche. Denn die Konfirmation von 25 jungen Menschen war für heute geplant. Verlegt wurde sie schon zu Beginn der Corona-Pandemie. Es war schnell klar, dass mit all den Beschränkungen und Sicherheitsvorkehrungen kein normaler Gottesdienst mit Konfirmation zu feiern sei. Notwendig war dies, aber traurig macht es mich trotzdem. Lange schon habe ich meine Konfis nicht mehr gesehen, nur am Telefon gesprochen. Alle haben auf die Konfirmation hingearbeitet, geplant mit den Eltern und schon einiges organisiert. Mancher schon Festkleidung gekauft, Einladungen ausgesprochen und sich bestimmt auf eine schöne Feier gefreut. Das alles fällt heute aus. Ja, irgendwann wird es eine Konfirmation geben, aber das Warten fällt schwer und auch die Ungewissheit, ob das angepeilte Datum überhaupt zu halten ist. Zum Singen ist da niemanden zu mute. Zweckoptimismus bestimmt die meisten: „Hauptsache wir sind gesund!“, habe ich immer gehört bei meinen Telefongesprächen.

Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder! Denn er tut Wunder – was für ein schöner Halbsatz! Lasst uns auf die Wunder Gottes vertrauen! Ist es nicht ein Wunder, dass alle Konfis und ihre Familien (wieder und noch) gesund sind? Ist es nicht ein Wunder, dass wir in einem Land leben, dass ein gutes Sozial- und Gesundheitssystem hat und niemand auf der Straße landet oder sich einen Arztbesuch nicht leisten kann? Ist es nicht ein Wunder, dass die meisten Menschen viel auf sich nehmen, um andere vor Ansteckung zu schützen? Ist es nicht ein Wunder, dass wir eine Kirche haben, die groß genug ist, um darin bald wieder Gottesdienste unter Schutzregeln feiern zu können? Es gibt so viele kleine Wunder in dieser Welt zu entdecken. Gucken wir hin! Und so ein Wunder ist es auch, dass Gott uns den Gesang geschenkt hat. „Singen ist eine der Zugeben Gottes zum Leben. Zum Überleben brauchen wir es nicht. Wir kommen notfalls auch ohne aus. Aber Singen beschwingt und befreit“ schreibt Tina Wilms.

Darum lasst uns singen – allein zu Hause oder wo auch immer - und das Lied mit vielen guten Wünschen gedanklich jemanden schicken, der gerade ein paar Glückshormone gebrauchen kann. Gottes Wunder wird dafür sorgen, dass der andere das spürt.

Martina Lembke-Schönfeld, Pfarrerin

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