»Ist uns das Vertrauen abhandengekommen«?

Echtes Vertrauen ist mehr als Vertrauen in die menschlichen Möglichkeiten. Es heißt, der Liebe Gottes zu vertrauen.

Unser Alltag ist kein Drahtseilakt. Wir haben unser Leben eingerichtet als eine Fahrt auf glattem, breitem Asphalt, mit Leitplanken und Sicherheitsgurt, Airbags und Navis. Es gibt Technik, Wohlstand, Gesetze, Institutionen, die Wissenschaft. Die Kontrolle schafft anscheinend jede Ungewissheit ab. Vertrauen erscheint unnötig. Vertrauen ist abgesagt und abgeschafft. – So war es, bis das Virus alle Kontrolle außer Kraft gesetzt hat.

Mit dem Vertrauen scheint es zu sein wie mit der Luft, wir nehmen ihre Notwendigkeit erst wahr, wenn sie dünn bzw. durch die Verschmutzung dick wird. Wie sehr wir zuvor vertraut haben, wird uns erst deutlich, wenn Vertrauen zerbrochen ist. Es bleibt solange selbstverständlich, wie alles gut und reibungslos läuft. Zeigen sich Brüche und Erschütterungen, im Beruf, bei einer bedrohlichen ärztlichen Diagnose, ist es plötzlich weg. Erst einmal zerbrochen, lässt es sich nicht einfach wiederherstellen, nicht herbeiwünschen und schon gar nicht herbeizwingen: Vertrauen lässt sich nicht zurückgewinnen, indem man die Kontrolle erhöht. Soll Vertrauen wieder sein, braucht es das Vertrauen selber. Plötzlich sind wir auf Vertrauen angewiesen. Wie sollen wir ohne Vertrauen wieder nach draußen gehen, wieder am gemeinschaftlichen Leben teilnehmen, wieder investieren? Und wir finden uns darin so ungeübt und ungelenk.

Im Allgemeinen kennen wir heute Vertrauen nur als Vertrauen in das rechte Funktionieren der Dinge, der Menschen um uns herum, und zwar so, wie wir uns das wünschen und wie wir es gebrauchen können. Es ist ein Vertrauen in die Machbarkeit aller Dinge durch uns Menschen und das reibungslose Funktionieren des Gemachten. So wie wirtschaftliche Lieferketten genau ineinander greifen müssen, so muss es auch in unseren Beziehungen und den eigenen Biografien sein. „Safety first“! - Sicherheit steht an erster Stelle und Kontrolle, die uns davor bewahrt, überrascht zu werden. Die Kehrseite aller Bestrebungen nach Sicherheit ist die dauernde Angst, es könne doch etwas schiefgehen.

Wer dem Teufelskreis aus Angst und Kontrolle entrinnen will, dem bliebt nur, echtes Vertrauen zu wagen. Es ist eine Zuversicht, die alles Vertrauen in die eigenen, menschlichen Fähigkeiten, Sicherheiten und Kontrollen übersteigt. Dies kann nur dem gelingen, der gewiss ist, dass sein Leben immer schon getragen ist. Es ist eine Frage der Entscheidung, sich darauf einzulassen. Entscheiden heißt: nicht zu wissen, bevor man handelt, sondern zu handeln, bevor man weiß. Es heißt aus dem Unverfügbaren zu leben. Es ist ein Leben, das sich von „Guten Mächten wunderbar geborgen“ weiß. Es ist ein Leben, das sich „alle Dinge zum Besten dienen“ lässt. Es heißt zu erkennen, „dass Gott uns liebt, und wir dieser Liebe unser ganzes Vertrauen geschenkt haben.“ Denn „Gott ist Liebe, und wer sich von der Liebe bestimmen lässt, lebt in Gott, und Gott lebt in ihm“. (1. Joh. 4, 16). Echtes Vertrauen ist nicht das Vertrauen in das Funktionieren der menschlichen Sicherungssysteme, sondern das Vertrauen, dass unser Leben gehalten und getragen ist, auch wenn diese Systeme ins Wanken geraten. Es bedeutet aus dem Ungewissen als der Liebe Gottes zu leben.

Das könnte das Wichtigste sein, das wir aus dieser Zeit zu lernen haben. Dass wir uns zu diesem Leben immer wieder entscheiden können, dazu verhelfe uns Gott!

Andreas Bader, Pastor

  • Version