»Mit Abstand betrachtet sieht vieles ganz anders aus«

Oft erscheinen uns die Dinge größer als sie wirklich sind.

Viele Menschen leiden heute darunter, dass sie »Abstand« halten müssen. Abstand von ihren Lieben, ihren Freunden, ja Abstand in der Öffentlichkeit, auf der Straße, beim Einkaufen, beim Essen in Restaurants. 1,5 – 2m Abstand ist die feste Regel – manches Mal kaum einzuhalten. Aber bedeutet Abstand zu halten, nur etwas Negatives?

Auf den ersten Blick scheint »Abstand« das Gegenteil von »Nähe« zu sein. Ist das wirklich so? Oder entsteht nicht tatsächliche Nähe erst durch und in einem Abstand?

Manchmal ist es gut vor einer wichtigen Entscheidung im Leben, sich erst einmal zu besinnen. Bevor ich eine neue Arbeitsstelle annehme, mal eine Nacht oder mehrere darüber schlafen! Bevor ich ein Haus kaufe, erst einmal über das Für und Wider nachsinnen! Es ist häufig gut, sich einen zeitlichen Abstand zu nehmen. Dann fallen Entscheidungen nicht unbedacht und nicht überhastet. Dann sind es wirklich meine Entscheidungen. Es braucht Pausen, in denen ich zu mir komme. Dann kann ich mich mit Konzentration wieder an die Arbeit machen.

Bei vielem ist es ist gut, wenn ich mal einen Schritt zurücktrete vom dem, was ich genau betrachten will. Was zu nah ist, kann ich nicht recht oder gar nicht sehen. So wie man die eigene Brille nicht findet, weil sie – zu nah – bereits auf der Nase sitzt. Es braucht den räumlichen Abstand, um die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind. Mit dem nötigen Abstand komme ich den Dingen wirklich nahe.

Für mich ist das eindrücklichste Beispiel dafür die liebende Partnerschaft von zwei Menschen. Lieben kann ich den anderen nur dann, wenn ich ihm Freiheit gewähre. Das bedeutet, wenn ich zwischen uns einen Raum, einen Abstand lasse. Solange ich mich an dem anderen festklammere, kann ich nicht sehen, wie er oder sie wirklich ist. Erst »Abstand« schafft wahre »Nähe«.

Erst der Abstand von meinen alltäglichen Sorgen ermöglicht es mir, auf gute und besonnene Weise mit ihnen umzugehen. Erst dann sehe ich die Dinge in ihrer Wirklichkeit. Wie oft erscheinen mir die Dinge, die ich befürchte, größer als sie tatsächlich sind? In diesem Sinne sagt Jesus: »Sorgt nicht um euer Leben.« Haltet Abstand von euren Sorgen. Lasst eure Sorgen! Damit ihr nicht von ihnen und euren Ängsten aufgefressen werdet.

Aber wie soll das gehen? Wie bekomme ich denn den nötigen »Abstand«? Wie kann ich dem entrinnen. Jesus war gewiss, dass wir Menschen uns nicht mit eigener Kraft aus unseren Sorgen befreien können. Alles Sorgen führt zuletzt in einen Teufelskreis: Ins Sorgen, um das ich mir wiederum Sorgen mache, und so fort bis zur Verzweiflung. Der einzige Weg heraus ist, sagt Jesus, kommt in Gottes Gegenwart! - »Trachtet zuerst nach Gottes Reich!« Tut das nicht irgendwann einmal, sondern tut es jetzt. Tut es nicht einmal, sondern tut es immer wieder, in jedem Augenblick. Kommt zu euch selbst, in eure Gegenwart, in das, was ihr jetzt seid! Denn jetzt lebt Gott in euch und ihr lebt in ihm.

In unserer Gegenwart ist Gott gegenwärtig. Nur die Gegenwart ist wirklich. Weil Gott in ihr da ist, haben wir Abstand zu allem, was uns umgibt und sehen die Dinge, wie sie tatsächlich sind.

Andreas Bader, Pastor.

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