»Vom Sich-Verloren-Gehen und Sich-Finden«

Die Liebe überwindet die Angst und lässt mich zu mir finden.

Es gibt zwei Grundweisen, wie Menschen sich in ihrem Leben verhalten können: Sie können in Freiheit leben oder sich von den Dingen abhängig machen. In unserer Sprache sind diese Grundweisen durch die Wörter »haben« und »sein« gekennzeichnet.

So kann man sagen: Wenn ich mich davon abhängig mache, was ich habe, bin ich arm dran, selbst wenn ich reich bin. Wenn ich mich daran orientiere, was ich bin, kann ich reich sein, auch wenn ich arm bin.

So gibt es auch die Unterscheidung zwischen Verloren-Sein und Verloren-Haben. Es ist etwas anderes, ob ich sage: „Ich habe verloren“ oder ob ich sage: „Ich bin verloren“. Beide Aussagen beschreiben zwei Grundängste, die uns Menschen umtreiben.

Inmitten einer fremden Großstadt oder auf einer großen Feier kann ich mich ‑ ganz plötzlich – allein, einsam und verloren fühlen. Es ist die Angst vor dem Verloren-Sein.

Andererseits gibt es auch die Angst vor dem Verloren-Haben. Die Angst, vielleicht zu verlieren, also am Ende verloren zu haben, hat beim Fußball schon viele Favoriten belastet. Manches wichtige Spiel wurde versiebt, weil der Mannschaft diese Angst im Nacken saß.

Ist es nur ein Spiel von vielen ist, das ich verliere, ist das vielleicht nicht so schlimm. Wenn es das »Spiel des Lebens« überhaupt ist, wird aus dem Verloren-Haben schnell ein Verloren-Sein.

Um das Verlieren geht es auch in dem bekannten Gleichnis Jesu vom »verlorenen Sohn«. Der jüngere Sohn nimmt sein Erbteil und sein Leben in die eigene Hand. Er ergreift seine Freiheit und will sein Leben mutig selbst gestalten. Am Ende wird sein Mut zum Übermut. Er verprasst sein Talent, er verliert und endet kläglich bei den Schweinen. Er verliert das »Spiel des Lebens«. Er verliert sich selbst. Allein die Rückkehr zu seinem Vater ‑ und damit zu sich selbst ‑ wird zum Ausweg aus der Lebenskrise. Und die Liebe des Vaters zögert nicht einen Augenblick, ihn in die Arme zu schließen. Er hat sich verloren und sich in der Liebe wiedergefunden.

Seinem älteren Bruder geht es ganz anders. Für ihn stehen Sicherheit und Geborgenheit an erster Stelle. Er bleibt zu Hause auf dem Hof des Vaters. Die Freiheit seines jüngeren Bruders ist ihm verdächtig. Als dieser völlig zerlumpt wieder heimkehrt und vom Vater ohne Zögern wieder aufgenommen wird, ja sogar mit einem großen Fest belohnt wird, wird er neidisch. Er klagt den Vater wegen seiner offensichtlichen Ungerechtigkeit an. Aber der Vater lädt ihn ein, doch mitzufeiern, am Fest des Lebens teilzunehmen. Er wird eingeladen, sich zu öffnen. Er wird eingeladen, die Angst vor dem Verloren-Sein zu überwinden und Freiheit zu wagen.

Beide Söhne verlieren. Das Gleichnis handelt von zwei verlorenen Söhnen. In ihren Ängsten gehen sie sich verloren. Ihre Freiheit gewinnen beide erst in der Liebe des Vaters. In dieser Liebe Gottes ist es möglich, sich selbst zu finden und bei sich zu bleiben.

Im mir findet sich beides, zu verschiedenen Zeitpunkten meines Lebens. Manchmal spüre ich Mut und Freiheitsdrang, manchmal verlange ich nach Geborgenheit und Schutz. Auch die Angst vor dem Verloren-Haben und die vor dem Verloren-Sein kenne ich. Ich weiß, dass ich mich selbst verliere, wenn ich Freiheitsdrang oder Sicherheit absolut setze. Denn ich kann nur wirklich leben, wenn ich mit Gott, der Liebe, verbunden bleibe. D.h., wenn ich mit mir selbst, mit meinem wahren Selbst in Kontakt bleibe. Wenn ich in meiner Mitte bleibe. Dort ist Gott, der mich begleitet – immer, wie sollte es anders sein? Liebe gewährt Freiheit, sowohl von der Angst verloren zu sein als auch der Angst zu verlieren und am Ende verloren zu haben.

Andreas Bader, Pastor

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