»Vom „Tun-Müssen“ und vom „Tun-Können“«

Die Chance der Gelegenheit.

Der römische Philosoph Seneca schrieb in seinen „Moralischen Briefen“: »Keine Tat ist gut, die widerwillig und erzwungen getan wird. Jede gute Tat ist freiwillig.«

Viele werden das kennen: Da liegt eine lange Aufgabenliste für den Tag oder die Wochen vor mir. Ich gerate in Sorge, das alles zu schaffen. Ich sehe mich eingeschüchtert und alles erscheint mir sehr mühsam: All die Dinge und Pflichten, die ich heute oder in der kommenden Woche noch erledigen muss. Meine Widerstände wachsen und im übelsten Falle beginne ich, Dinge aufzuschieben. Ich rede mir ein, dies und das auch morgen noch machen zu können, mit der unsicheren Ahnung, es könnte dann vielleicht zu spät sein, oder wohl wissend, dass ich mir damit die Aufgaben möglicherweise auf einen Berg schaufele, den ich gar nicht mehr bewältigen kann. Wenn ich mich zu allen Aufgaben aber nur zwinge, weil ich sie eben tun muss, dann kann daraus nichts Gutes werden. Wenn ich etwas tun muss, geht es in der Regel nicht.


Eine lange Pflichten- oder Aufgabenliste vermiest mir mein Leben. Anders steht es mit einer »Gelegenheitsliste«. Sie eröffnet mir Chancen, handeln zu können. Es ist ein Unterschied, ob ich der Welt meinen Willen aufzwingen will, damit alles so geschieht, wie ich es haben will, oder ob ich die Dinge hin- und annehmen kann, wie sie eben geschehen. Es ist ein Unterschied, ob ich mich selbst liebevoll annehme, wie ich bin, oder glaube, mich selbst erst optimieren zu müssen, damit ich für mich selbst und andere o.k. bin.

Wirklich weiter komme ich nur, wenn ich mir, wie Paulus sagt, »alle Dinge zum Besten dienen lasse« (Röm. 8, 28). Wer seinen Willen stets in Einklang mit dem bringt, was geschieht, dem geschieht nichts, was er nicht will und dem geschieht alles, was er will. Die Dinge anzunehmen, wie sie sind, mich anzunehmen, wie ich bin, und zwar weil Gott es so will, bedeutet für Paulus dann auch »Gott zu lieben«, der mich ohne jede Einschränkung liebt. So wird aus dem mich zwingenden »Müssen« ein befreites »Können«, das mir die Gelegenheit gibt, auf die Ereignisse in rechter Weise zu reagieren. Ich muss nicht mehr meine Aufgaben erledigen, sondern habe die Gelegenheit dazu oder mit anderen Worten: ich will es.


Wenn im Neuen Testament dazu aufgefordert wird, unsere Mitmenschen so zu lieben, wie wir uns selbst lieben, dann müssen wir das nicht tun. Wir haben immer die Möglichkeit, egoistisch, unhöflich, scheußlich, kurzsichtig, pedantisch, böse oder dumm zu sein. Auch wenn es manchmal verlockend ist, sich schlecht zu verhalten, was für ein Leben käme dabei heraus? Indem ich mich auf mein Geliebt-Sein durch Gott einlasse, erhalte ich die Gelegenheit, freiwillig das Gute zu tun: mich zu lieben und die anderen auch, so wie ich es eben kann.


Andreas Bader, Pastor

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