»Von der Sicherheit und der Sorge«

Sorgt euch nicht um euer Leben! (Mt. 6, 25-34)

»Macht euch keine Sorgen«! Der Satz macht heute die meisten entweder hilflos oder lässt sie einen Beruhigungsversuch wittern. Wie soll das gehen, angesichts der vielen bedrohlichen Folgen der Pandemie? Viele sind in Sorge um die wirtschaftlichen Konsequenzen des Lockdowns. In Deutschland soll die Wirtschaftsleistung in einem historischen Ausmaß von 10% eingebrochen sein ‑ mit einer Vielzahl beunruhigender Auswirkungen für Firmen, Gruppen und jeden einzelnen.


Was soll das also: Macht euch keine Sorgen? Die gegenwärtige Lage bietet schließlich allen Grund zur Sorge. Das ist nur zu verständlich. Es ist zuletzt die Sorge um die eigene Sicherheit. Weite Bereiche unserer Zivilisation dienen allein dem Zweck, den Menschen Sicherheit gegenüber der bedrohlichen Willkür des Schicksals zu geben. Wir sind es gewohnt Sicherheit, insbesondere aus dem Funktionieren der Wirtschaft zu beziehen. Offensichtlich scheint diese gewohnte Sicherheit, aktuell ins Wanken zu geraten.

Was bedeutet im eigentlichen Sinn »Sicherheit«? Das deutsche Wort ‚sicher‘ stammt von dem lateinischen Wort ‚securus‘, was so viel bedeutet wie „frei von Sorgen“ oder „ohne Sorge“.

Sicherheit bedeutet also in Wahrheit nicht, rundherum vor äußeren Gefahren geschützt zu sein. Wirklich sicher ist vielmehr derjenige, der ohne Sorge ist, der sorgenfrei leben kann. Wer frei von Sorgen ist, ist »sicher«. Umgekehrt stimmt es eben nicht: „Erst wer sicher ist, ist auch frei von Sorgen.“ Wer nicht zuerst zu sich selbst kommen will, sondern meint, er müsse sich stets zuerst z.B. um seine wirtschaftliche Absicherung kümmern, wird seine Sorgen kaum loswerden. Er wird sich viel eher nur noch in seine Sorgen verstricken und zuletzt nicht zur Ruhe kommen. Ich kann nicht erst das Äußere absichern wollen, um dann innerlich keine Sorgen mehr zu haben. Eine letzte Sicherheit und Stabilität im Äußeren gibt es nicht. Denn nichts ist so gewiss wie die Veränderung und damit auch das Auftreten neuer Gefahren.

Andersherum wird ein Schuh daraus: Wenn ich frei bin von meinen Sorgen, wenn sie mir nicht mehr im Nacken sitzen, obwohl die Lage nach wie vor ernst ist, erst dann habe ich die Möglichkeit, entsprechend zu reagieren. Die eigentliche Sicherheit liegt darin, die Sorgen schlicht sein zu lassen. Das geht nur, indem ich meine jeweilige Situation annehme wie sie ist. Ich komme zu mir selbst und kann besonnen überlegen, was ich jetzt tatsächlich tun kann, selbst in der Gewissheit, dass das jeweilige Ergebnis auch keine absolute Stabilität bringt.

Das meint Jesus, wenn er in der Bergpredigt sagt, »Sorgt nicht um euer Leben!«, sondern lasst eure Sorgen sein! Verstrickt euch nicht im Sorgen und Mühen um stabile Zustände und Verhältnisse. Gibt es wirklich jemanden unter euch, der durch Sorgen, sein Leben auch nur um eine kleine Zeit verlängern kann? Keinesfalls! Wichtig ist stattdessen, dass ihr gegenwärtig werdet, gegenwärtig im Angesicht Gottes: Jeder Tag hat seine eigene Sorge. Das ist genug. Kümmert euch nicht um das Morgen, sondern sucht immer und zuerst Gottes Gegenwart, sein Reich!

Gottes liebende Gegenwart befreit vom Verstrickt-Sein in die Sorgen. Gottes Gegenwart ist Sorgenfreiheit. Und wenn Sicherheit bedeutet, ohne Sorge zu sein, dann ist seine Gegenwart die einzig wahre Sicherheit, die es gibt. In dieser Sicherheit sind wir fähig, immer wieder Wege aus unseren Gefahren zu finden.


Andreas Bader, Pastor

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