»Wer bin ich«?

Von der notwendigen Verbindung mit Gott, um wahrhaft zu sich selbst zu kommen.

„Wer bin ich?“ so wird mancher sich schon gefragt haben, bei den vielen Meinungen von anderen über sich. Bin ich nur, was andere über mich denken und so auch sagen? Oder bin ich nicht mehr als all das?


Was ich bin, bin ich jedoch nicht schon seit meiner Geburt. Sondern ich bin es geworden ‑ durch die Erziehung meiner Eltern und Familie, durch die Beziehung zu meinen Schulfreunden, durch meine Ehe, durch Kultur und Religion. Was ich bin, entsteht durch Unterscheidung von anderen: Ich bin nicht der- oder diejenige. Ich bin Ich selbst.

Diese Selbstständigkeit ist ein wichtiger Schritt beim Erwachsenwerden. Sie wird aber dann problematisch, wenn ich sie für den Rest meines Lebens umsorge und schützen will. Wenn mein Auftreten und Aussehen, die eigene Ausbildung, mein Beruf, Geld, Erfolg, wenn alles, was ich geworden bin und aus mir gemacht habe, zum eigentlichen Sinn meines Lebens wird. Wenn all das mehr wird als ein »Drumherum«, das mir hilft, den Alltag meistern.


Meine Selbstständigkeit ist aber nichts Böses oder Falsches. Sie gehört zu mir und ist notwendig, um im Alltag bestehen zu können. Aber sie reicht eben nicht aus. Es gibt sich allzu oft für die wahre Realität aus. Wenn ich mich aber darauf fixiere, steht sie mir letztlich im Wege: Ich kann nur noch so sein und habe keine Möglichkeit zur Veränderung mehr.


Veränderung ist möglich, wenn ich das Äußerliche als ein »Drumherum« ansehen kann. Ein »Drumherum« kann ich leichter loslassen. Wer jedoch das Äußerliche für die eigentliche Realität hält, für den ist das Aufgeben und Loslassen so etwas wie ein Sterben. Aus Angst wird er sich nur noch stärker daran klammern und so darin festsitzen, gefangen und abhängig sein. Als „Gefangen-Sein“ in sich selbst hat Martin Luther den Kern der Sünde beschrieben.


Wer sich stattdessen auf die Realität einlässt, die ‚jenseits‘ äußerlicher Aufmachung steht, erfährt wahre Freiheit und Befreiung. So jemand sieht sich verbunden mit dem Ganzen, und muss nicht länger kleine Ausschnitte davon schützen oder verteidigen. Ich sehe mich verbunden mit etwas Unerschöpflichem und Unverletzlichem. Ich komme zu meinem wahren Selbst. Es ist unzerstörbar. Es ist die Verbindung mit Gott.


Diese Zuflucht zu Gott hat auch Dietrich Bonhoeffer gefunden, als er sich fragte:

Wer bin ich?

Sie sagen mir oft,

ich träte aus meiner Zelle gelassen und heiter und fest, wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich?

Sie sagen mir oft,

ich spräche mit meinen Bewachern frei und freundlich und klar, als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich?

Sie sagen mir auch, ich trüge die Tage des Unglücks gleichmütig lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist.


Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?

Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?

Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,

ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,

hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,

dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,

zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,

umgetrieben vom Warten auf große Dinge,

ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,

müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,

matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?


Wer bin ich? Der oder jener?

Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?

Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler

Und vor mir selbst ein verächtlich wehleidiger Schwächling?

Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,

das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.


Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!


Andreas Bader, Pastor

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