»Wer ist Gott?«

Gott hat keinen »Namen«. Er atmet in mir.

Alle Menschen machen sich eine Vorstellung von »Gott«. Alle haben ihre Bilder von einem „höheren Wesen“, das ihr Geschick bestimmt und ihnen hilft, das Leben zu bestehen. Auch Christen haben solche Bilder von Gott und die Bibel ist voll von Bildern, mit denen Gott verglichen wird. Gerade die Psalmen zeigen eine ganze Fülle davon: etwa die des »Hirten«, der es mir an nichts mangeln lässt, das Bild einer »festen Burg«, das Luthers Lied wieder aufnimmt. Oder auch die Vorstellung von Gott als der »Sonne« oder die eines »Schildes«.

Gegenüber solch bildlichen Vorstellungen steht das Gebot, sich von Gott gerade kein Bildnis zu machen. Seinen Grund hat dieses Gebot darin, dass alle Bilder und Bildnisse die Unendlichkeit und Ewigkeit Gottes einengen würden.

Ganz entsprechend hat »Gott« in der jüdischen Tradition keinen »Namen« bzw. der Name Gottes ist unaussprechlich. Als Mose bei der Gottesbegegnung des »brennenden Dornbusches« Gott nach seinem Namen fragt, bekommt er zur Antwort: „Ich bin der ich bin.« (2. Mos. 3, 14). Auch damit ist ausgedrückt, dass Gott nicht an irgendeinen Namen gebunden ist und so auch das Göttliche auf keinen Namen eingeengt ist. Im Judentum wird deshalb der Name Gottes (JHWH) nicht ausgesprochen und durch »der Name« (HaSchem) ersetzt: Der eigentliche Name Gottes ist unaussprechlich. Einige würden sagen, er kann nicht ausgesprochen werden, sondern nur „geatmet“ werden.

Mir bedeutet diese Tradition, dass ich in Bezug auf Gott nur demütig reden kann. Gott hat keinen Namen, er ist reine Gegenwart, reine Gegenwart in mir selbst. Ich kann ihn nicht begreifen und ihn nicht in meinem Wissen und Denken besitzen. Aber wie mein Atem ist er in mir präsent. Mein Atem führt mich in meine Gegenwart und damit zugleich in die Gegenwart Gottes.

Niemand kann Gott besitzen. Keiner kann ihn in seine – vermeintlich richtigen ‑ Vorstellungen einzwängen. Und wo jemand in seinen Vorstellungen von ihm gefangen ist, erkennt er Gott nicht. Wie Johannes der Täufer im Johannesevangelium sagt: „Einer steht unter euch, den ihr nicht kennt.“

Entscheidend bleibt immer, handelnd Gottes Willen zu folgen anstatt viel – vielleicht sogar sehr gelehrt ‑ über ihn zu reden. „Was nennt ihr mich Herr, Herr, und tut nicht, was ich sage?“ fragt Jesus im Lukasevangelium (Lk. 6,46).

Zuletzt hat das „Das-Richtige-über Gott-Sagen“ dazu geführt, dass wir uns als das »Christliche Abendland« verstehen und die anderen Nationen ausgrenzen und abwerten. Wer aber Gott atmend in sich gegenwärtig spürt, der ‚sieht‘ ihn gegenwärtig in jeder Person, die atmet, ja in allem, was ist. Ich habe keinen Grund und kein Recht, irgendjemand zu verurteilen, weil er nicht „richtig“ über Gott spricht. Alle Menschen sind seine geliebten Kinder. Und in ihm sind wir alle miteinander verbunden.

In der Meditation ist es wichtig auf den Atem zu achten. Es ist der Weg in die eigene Gegenwärtigkeit und damit in die Gegenwart Gottes. Es ist der Weg, Gottes Gegenwart in sich selbst zu spüren. Nicht zufällig umfasst im Neuen Testament das Wort für »Geist« auch die Bedeutung von Hauch und Atem. Wenn es im 2. Timotheus-Brief heißt: „Gott hat uns nicht einen Geist der Ängstlichkeit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“, dann hat das für mich mit dieser atmenden Gegenwart zu tun. In der Konzentration auf meinen Atem mache ich die Erfahrung, dass Ängstlichkeit weicht. Ich bin befreit aus meiner Enge und kann mich öffnen. Ich schöpfe neue Kraft, handelnd Gottes Willen zu folgen.

Andreas Bader, Pastor.

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