»Von der Empfänglichkeit«

Gedanken zum Erntedank

Am kommenden Sonntag feiern wir gemeinsam »Erntedank«. Der Kirchraum wird mit Erntegaben, mit den Früchten des Feldes geschmückt sein: Mit Kohlköpfen, Mohrrüben, Maiskolben, Zwiebeln, Kartoffeln und Kürbissen. Getreide und Brote werden zu finden sein. Seit alters her ist das Erntedankfest Ausdruck des Dankes für die Erträge der Schöpfung, in der Überzeugung, dass Mensch und Natur miteinander zusammen hängen und sie ohne das, was die Natur hervorbringt, nicht leben und überleben können. Betrachten wir heute die Versorgung mit Lebensmitteln auch überwiegend noch als selbstverständlich, war das keinesfalls immer so. In früheren Jahrhunderten war den Menschen ihre direkte Abhängigkeit von der Natur viel stärker bewusst und eine Missernte bedrohte ihr Leben existentiell. Ähnliche Befürchtungen werden auch heute angesichts des Klimawandels mit seinen Dürren und Flutkatastrophen wieder wach. Wir sehen uns zum Schutz der Natur aufgefordert und auf die Bewahrung der Schöpfung angewiesen.

Heute wird wieder offensichtlich, dass die natürliche Versorgung mit Nahrungsmitteln keineswegs sicher ist und manch einem wird die Bitte des Vaterunsers: »Unser tägliches Brot gib uns heute!« persönlich bewusst. Manch einem wird damit echte Dankbarkeit für dieses »Täglich Brot« spürbar: Es liegt nicht in meiner menschlicher Verfügungsgewalt, sondern wird mir von Gott gegeben. Die Worte von Matthias Claudius im Gesangbuchlied (Eg 508) geben dem einen klaren Ausdruck: »Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand. Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn, drum dankt ihm dankt, drum dankt ihm dankt und hofft auf ihn.«

Letztlich ist der Erntedank eine Facette der Dankbarkeit für unser Leben überhaupt. Es ist der Ausdruck des tiefen Wissens, dass sich unser Leben in allen seinen Bezügen Gott verdankt. Wir können und sollen unser Leben führen und bestimmen. Seinen Grund haben wir jedoch nicht in der Hand.

Die Korinther, die arrogant der Überzeugung waren, sich selbst einen Vorrang vor anderen zuschreiben zu können, fragt Paulus: »Was hast du, das du nicht empfangen hast?« (1. Kor. 1, 7). Paulus drückt damit die menschliche Grundverfassung der Empfänglichkeit aus: Wir verdanken uns selbst und alles, was wir überhaupt tun können, der Gnade Gottes.

Es geht im Letzten darum, dass wir diese Empfänglichkeit in unserem Alltag leben und uns in jedem Moment gegenwärtig ist, dass es nicht unser Verdienst und Schaffen, nicht unsere Pläne und Gedanken, nicht unsere Erwartungen und unser Wissen sind, die uns am Leben halten, sondern der lebendige Gott selbst, der in uns wohnt. Davon wusste Madeleine Delbrêl, die französische Schriftstellerin und Mystikerin. Sie schrieb:

Geht in euren Tag hinaus

ohne vorgefasste Ideen, /ohne die Erwartung von Müdigkeit,

ohne Plan von Gott, / ohne Bescheidwissen über ihn,

ohne Enthusiasmus, / ohne Bibliothek –

geht so auf die Begegnung mit ihm zu.

Brecht auf ohne Landkarte –

und wisst, dass Gott unterwegs zu finden ist,

und nicht erst am Ziel.

Versucht nicht,

ihn nach Originalrezepten zu finden, sondern lasst euch von ihm finden

in der Armut eines banalen Lebens.

Andreas Bader, Pastor

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