»Wir sind Menschen. Wir brauchen Hilfe!«

Vom Helfen und Empfangen von Hilfe.

Es gibt Menschen, die wollen niemandem zur Last fallen. Sie glauben, sie müssten stets auf alle Rücksicht nehmen. Zu diesen Menschen gehört wohl der Amerikaner Doug Bergeson, von dessen Missgeschick unlängst zu lesen war: Beim Heimwerken betätigte er versehentlich den Auslöser seines Druckluftnaglers und der Nagel flog ihm über mehrere Ecken in die eigene Brust. Nachdem er eine Zeit lang betrachtete, wie der Nagel im Rhythmus seines Herzschlages zuckte, beschloss er, es wäre wohl besser, die Sache doch einem Arzt zu zeigen. Also setzte sich Doug in sein Auto und fuhr voller Ärger – wieviel Zeit ihn dieses Missgeschick wohl wieder kosten würde ‑ zum Krankenhaus. Er stellte seinen Wagen auf dem Parkplatz ab und lief zu Fuß in die Notaufnahme. Bevor er sich in den Warteraum setzte, bat er doch darum, dass man ihn untersuchen möge.


Die ganze Angelegenheit kostete ihn durchaus viel Zeit, denn der Nagel steckte tatsächlich in seinem Herzen und er musste eine komplizierte Operation über sich ergehen lassen. Auf die Frage, warum um alles in der Welt er selbst ins Krankenhaus gefahren sei, statt Hilfe zu erbitten, erwiderte Bergeson: »Ich falle den Leuten nur sehr ungern zur Last.«


Was soll man dazu sagen? Da ist ein Mann, er klagt nicht, er beißt die Zähne zusammen, stellt keine unnötigen Hilfsansprüche an andere. Auf den ersten Blick das Gegenteil von Menschen mit windelweichem Gejammer, denen schon das Tragen einer Gesichtsmaske unzumutbar erscheint. Aber ist eine solche Einstellung wirklich ein Vorbild?


Eine andere Haltung begegnet in Japan. Das – tatsächlich sehr komplizierte ‑ ethische Konzept des »On« beinhaltet eine generelle Rückzahlungspflicht für empfangene Hilfeleistungen. Um dem Betroffenen keine Wiedergutmachungspflicht aufzuerlegen, zögert man also Hilfe zu leisten. Man tut ihnen gewissermaßen aus Rücksicht keinen Gefallen. Ist z.B. jemand auf der Straße gestürzt, wartet man zunächst, ob er sich nicht selbstständig wiederaufrichten kann, damit er durch die empfangene Hilfe, nicht verpflichtet wird, die Hilfe zurückzuzahlen.


Beide Einstellungen erscheinen mir nicht lebensdienlich. Beide gehen von festgefügten Regeln aus und das Handeln folgt mehr der Einhaltung eines Gesetzes als einer Herzlichkeit und Mitmenschlichkeit. Vielleicht kann man sogar sagen, dass sie im Kern egoistisch sind, weil man glaubt, sich damit selbst zu einem guten Menschen zu machen.


Wenn Jesus im Lukasevangelium sagt: »Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel (zu euch) barmherzig ist.« (Lk. 6, 36), dann ist damit etwas ganz anderes gemeint. Wenn ich barmherzig denen gegenüber bin, denen ich begegne, dann leiste ich frei Hilfe, ohne eine Gegenleistung dafür zu erwarten oder andere darauf zu verpflichten. Meine Hilfe ist keine Kosten-Nutzen-Rechnung. Ich habe eine Gegenleistung gar nicht nötig, weil ich als Person immer schon von Gott geliebt und getragen bin: Ich bin frei zu helfen.


Andererseits bin ich eben Mensch und deshalb auch auf die Hilfe anderer angewiesen. Ich nehme die Hilfe dankbar an, aber ich erwarte davon auch keine letzte Rettung. – Solche Erwartung würde jeden anderen heillos überfordern. ‑ Gerade deshalb kann ich einen Gefallen annehmen, kann ich mir helfen lassen. Denn ich weiß, dass Gott selbst und seine Liebe die letztlich gültige Hilfe ist.


»Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn.« Ich kann ohne eine fragwürdige Rücksichtnahme Hilfe in Anspruch nehmen und helfen, ohne den anderen auf eine Gegenleistung zu verpflichten. Ich will nicht in einer Welt leben, in der meine Hilfe für den anderen so etwas ist, wie einen Kredit aufzunehmen. Und auch nicht in einer solchen, in der man noch mit einem Nagel im Herzen sagt: »Ja, du, ich kann nicht klagen!“

Andreas Bader, Pastor

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