»Was über mein Leben entscheidet«

Von der Bedeutung des menschlichen Charakters.

Seit vorgestern, dem 3. November 2020, hält sich eine große innere Anspannung in mir: Es war der Tag, an dem in Amerika ein neuer Präsident gewählt wurde. Die Spannung ist auch heute noch da. Noch ist der Wahlausgang offen, noch sind nicht alle Stimmen ausgezählt. Ich gebe es zu, ich fiebere für Joe Biden, nicht weil ich ihn besonders gut kenne und persönlich viel von ihm halte, sondern weil er eben nicht Donald Trump ist. Mir geht es dabei so wie vielen Amerikanern, die Biden gewählt haben, um Trump zu vermeiden.

Seit Tagen verfolge ich fast stündlich die Nachrichten und Hintergründe der Wahl in den Nachrichtentickern der Zeitungen und im Fernsehen. Ich interessiere mich unter anderem besonders dafür, warum so viele Menschen – mehr als die Umfragen vor der Wahl vorhersagten – dennoch Trump gewählt haben. Abgesehen von seinen engeren Befürwortern hat sich ein Großteil für ihn entschieden, weil sie glauben, dass er ihnen Arbeit und Jobs verschafft hat. Außer Acht bleibt anscheinend, wie Trump sich in den letzten Jahren verhalten hat, wie er mit Minderheiten umgegangen ist, wie sehr er die Spaltung im Land angefacht und vergrößert hat, nicht zuletzt wie er mit der Pandemie von Covid 19 umgegangen ist. Man verzeiht ihm seine getwitterten Entgleisungen, seine Beschimpfungen, seine Falschmeldungen und Lügen, sein Drohgehabe. Kurz: Viele Menschen berührt nicht, was Trump für einen Charakter hat, was er für ein Mensch ist, sondern allein, was er getan hat, was er ihnen nützt.


Diese Einstellung scheint heute weit verbreitet zu sein: Wenn z.B. heute Arbeitgeber neue Mitarbeiter einstellen wollen, achten sie besonders darauf, welche Schulen diese besucht hat, was sie für Qualifikationen vorweisen können und in welchen Firmen sie bereits gearbeitet haben. Die Arbeitgeber sehen diese Erfolge der Vergangenheit als Zeichen dafür, dass die Leute auch in Zukunft Erfolg haben werden. Aber ist das tatsächlich notwendig so? Gibt es nicht genügend Menschen, die erfolgreich waren, weil sie einfach nur Glück hatten? Vielleicht verdanken sie es ihren Eltern, gute Schulen besucht zu haben und das eigene Vorankommen dort deren Bildung. Was ist mit jungen Menschen, die nicht solchen Voraussetzungen hatten? Sie die weniger wert? Natürlich nicht.


Ich bin überzeugt, dass deshalb der Charakter eines Menschen ein wesentlich besserer Maßstab ist, um sie zu beurteilen. Und zwar nicht nur für eine Arbeitsstelle, sondern auch für Freundschaften und Beziehungen. Wem ist jemand wirklich sympathisch, der laufend darauf hinweist, welch tollen Beruf er hat, wie viele Erfolge er in der Vergangenheit schon erzielt hat? Wichtig ist doch, was jemand für ein Mensch ist und also, ob er ein guter Mensch ist. Der Charakter, bestimmt das Schicksal und nicht umgekehrt. Meine innere Haltung ist das, was über mein Leben entscheidet und langfristig und zuletzt meine Stellung im Leben verbessert.

Ein guter Mensch zu sein, ist die wahre Berufung für alle Menschen. Das Neue Testament zeugt davon, dass dies nur möglich ist im vertrauenden Glauben. Ein Mensch müsse von allem, was er nach außen hin ist, absehen – seinem Besitz, seinem persönlichen Wollen, seinen Vorstellungen vom eigenen Lebensplan, seinen Erfolgen und Leistungen, um zu entdecken, was ihn tatsächlich trägt. Nur so kann jemand »von neuem geboren werden«, eine »neue Schöpfung werden«. Nur wer stets nach »dem Reich Gottes« in sich sucht und selbst die Liebe lebt, die ihn trägt, hat den rechten Charakter. So jemand gewinnt Selbstachtung und ist bereit für sein Leben und andere Verantwortung zu übernehmen und ihnen Respekt zu zollen. Genau das wird auch sein Schicksal bestimmen. Für Lügen und Drohgebärden bleibt da kein Platz.


Ich bin gefragt, ein guter Mensch zu sein. Welches Schicksal Donald Trump haben wird, wird sich in politischer Hinsicht in den nächsten Tagen zeigen.


Andreas Bader, Pastor

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