»Liebe oder Kampf?«

Von der Verbundenheit mit allem, was lebt.

Wie können Menschen sich miteinander verbunden fühlen und die Gesellschaft und Menschheit überhaupt zu einer echten Gemeinschaft werden?

Die meisten würden sagen, sie fänden Liebe in ihrer Familie und bei ihren Freunden. Man liebe die, die einen auch liebten. Über ihren engeren Familien- und Freundeskreis hinaus fällt es vielen heute schwer, sich mit anderen verbunden zu fühlen und zunehmend zieht man sich ganz auf sich selbst und in sich selbst zurück.

Wie ein Spiegel davon zeigen sich in der Gesellschaft wachsende Polarisierung und Zerrissenheit: zwischen Reich und Arm wie auch zwischen Jung und Alt. Politische Meinungen werden absolut gesetzt, Andersdenkende ausgegrenzt und abgewertet, mit der inbrünstigen Überzeugung selbst im Recht zu sein. Man habe z.B. das Recht, staatliche Corona-Schutzbestimmungen wie das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes schlichtweg ignorieren zu können. Von einer Gewaltbereitschaft einiger Gruppen ganz zu schweigen.

Die Gesellschaft findet sich im Stresstest, mehr und mehr im Kampf mit- und gegeneinander. Jeder ist ein Superstar und wenn er das nicht laufend unter Beweis stellt, hat er bereits verloren. Andersherum stilisieren sich nennenswert viele als Opfer ihrer Umgebung, was ihnen das Recht gebe, um sich zu schlagen. Die Angst voreinander bestimmt das Handeln. Aggression und Angriff scheint das Klima zu beherrschen.

Wen wundert es da, dass Menschen nicht nur mit sich und untereinander derart umgehen, sondern auch mit der Natur? Auch hier herrscht Krieg, ein Kampf um die Wahrung der eigenen, meist wirtschaftlichen Interessen. Weshalb wehren sich viele wohl dagegen, den Klimawandel überhaupt als Faktum zu akzeptieren, geschweige denn eine eigene Verantwortung dafür zu übernehmen und im Handeln wirklich werden zu lassen? Zuletzt gilt selbst bei den Wohlwollenden im Prinzip immer noch die Devise, das eigene Überleben gegen die Natur zu sichern. Kaum jemand betrachtet sie als ein Aspekt einer umgreifenden Lebendigkeit, an der alles und jeder teilhat.

»Alle Natur befindet sich im Krieg miteinander oder mit der äußeren Natur.« und »Der Bestangepasste überlebt.« Es scheint, nahezu die gesamte Menschheit hätte sich diese Sätze Charles Darwins unbesehen zum Maßstab genommen. Ist dabei nicht längst vergessen, dass es ein Überleben nur miteinander und nur mit der Natur geben kann? Kein Volk der Erde kann ohne die anderen überleben und alle zusammen nicht ohne die Erde, die Natur selbst.

Schon vor gut 2000 Jahren hat Jesus Christus mit Nachdruck darauf hingewiesen. In seiner Bergpredigt hat er wohl einen seiner anstößigsten Sätze gesagt: „»Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel.“ (Mt. 5, 43-45).

Für gewöhnlich halten Menschen die Feindesliebe für völlig unpraktikabel: Es sei ja leicht, die zu lieben, die mich lieben. Aber wie kann man die lieben, die offen oder heimtückisch danach trachten, mich zu vernichten? Jesus war alles andere als ein frommer, idealistischer Träumer. Er hat niemals behauptet, es sei leicht, seine Feinde zu lieben. Aber die Liebe, die Jesus hier meint, ist auch etwas anderes als romantische oder freundschaftliche Liebe. Sie ist Gottes Liebe, Gottes kreativer und rettender guter Wille für alle Menschen. Nur wer sich selbst dieser großen Liebe in sich selbst zuwendet und sie handelnd Wirklichkeit werden lässt, wird Kind des Vaters im Himmel sein. Alles wahrhafte Lieben entspringt einer völligen und andauernd vollzogenen Hingabe an Gott. Lieben ist das mutige Wagnis des ausschließlichen Vertrauens auf ihn und alles andere als Sentimentalität und Schwächlichkeit. Es ist stattdessen eine absolute Notwendigkeit für unser Überleben heute. Liebe ist die Kraft, die alles was lebt, miteinander verbindet. Wie anders kann sonst den Weg der Aggression und des Hasses, des Kampfes von Mensch gegen Mensch und Mensch gegen Natur verlassen werden? Ein Weg, der uns höchstwahrscheinlich zur Selbstzerstörung führt.

Nur die liebende Verbundenheit mit allem Lebendigen, mit allen unseren Mitmenschen und allem Leben in der Natur kann uns retten. Es bleibt ein Wagnis nicht ohne Gefahr.

Andreas Bader, Pastor

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